Auswandern bei laufender Insolvenz – Deutschland den Rücken kehren?

Kurz und knapp: Das Wichtigste zum Auswandern im Insolvenzverfahren

  1. Möchten Sie die Privatinsolvenz in Deutschland anmelden, müssen Sie dort über einen offiziellen Wohnsitz verfügen.
  2. Nachdem Sie das Insolvenzverfahren angemeldet haben, können Sie jedoch auswandern.
  3. Sie können auch auswandern und dann in einem anderen Land die Insolvenz durchlaufen.

Dürfen Sie auswandern trotz eröffneter Insolvenz?

Das Auswandern bei der Insolvenz ist erlaubt - insofern das Verfahren bereits läuft.
Das Auswandern bei der Insolvenz ist erlaubt – insofern das Verfahren bereits läuft.
Trotz sinkender Arbeitslosigkeit und boomender Wirtschaft sind immer mehr Privatpersonen in Deutschland überschuldet. Das bedeutet, dass ihr Vermögen ihre bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Im Jahr 2017 waren rund 6,9 Millionen Menschen in Deutschland im Alter über 18 Jahren betroffen.

Viele können mit Hilfe eines außergerichtlichen Schuldenvergleichs mit den Gläubigern ihre Schulden abbauen. Bei manchen reichen Vermögen und Einkommen jedoch nicht aus, um aus eigener Kraft wieder schuldenfrei zu werden. Schuldner haben in Deutschland die Möglichkeit, die Privatinsolvenz anzumelden. Nachdem das Verfahren eröffnet wurde, beginnt die Wohlverhaltensphase. Nach maximal sechs Jahren ist die Person dann schuldenfrei.

Nun kann es durchaus vorkommen, dass ein Schuldner aufgrund eines Jobangebotes oder aus persönlichen Gründen Deutschland verlassen möchte. Doch ist das Auswandern bei der Insolvenz überhaupt erlaubt?

Grundsätzlich gilt Folgendes: Einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Deutschland dürfen Sie nur dann stellen, wenn Sie dort auch über einen offiziellen Wohnsitz verfügen. Danach dürfen Sie jedoch auswandern.

Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch Folgendes: Sie können nicht erst auswandern und dann die private Insolvenz in Deutschland anmelden.

Das sollten Sie beachten, wenn Sie auswandern!

Ein Umzug ist teuer. Das sollten Sie beim Auswandern im Insolvenzverfahren beachten.
Ein Umzug ist teuer. Das sollten Sie beim Auswandern im Insolvenzverfahren beachten.
Das Auswandern bei laufender Insolvenz ist also durchaus erlaubt. Im Vorhinein ist jedoch einiges zu beachten und zu bedenken. Ein Umzug bringt immer Kosten mit sich – vor allem, wenn der neue Wohnort im Ausland liegt. Nach der Eröffnung der Privatinsolvenz wird ein Teil des Vermögens des Schuldners verwertet. Zusätzlich muss er in der Wohlverhaltensphase den pfändbaren Teil seines Einkommens abgeben.

Während der privaten Insolvenz bleibt einem Schuldner also nicht allzu viel Geld übrig. Das kann einen Umzug ins Ausland erschweren. Aus diesem Grund ist das Auswandern häufig nur anzuraten, wenn in der neuen Heimat ein lukrativer Job winkt.

Des Weiteren müssen Schuldner, wenn sie auswandern bei der Insolvenz, bestimmte Mitwirkungs- und Auskunftspflichten erfüllen. Diese sind in der Insolvenzordnung (InsO) festgehalten. Schuldner sind unter anderem dazu verpflichtet, jeden Umzug und Arbeitsplatzwechsel zu melden. Des Weiteren müssen sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder sich im Falle einer Arbeitslosigkeit nachweislich um einen neuen Job bemühen.

Des Weiteren sollten sich Schuldner, die auswandern bei der Insolvenz, einen Anwalt in Deutschland suchen, der sie wenn nötig bei Terminen vertreten und die Korrespondenz mit Gericht und Insolvenzverwalter gewährleisten kann. Es kann jedoch auch dazu kommen, dass der Schuldner persönlich zu einem Termin erscheinen muss. Dafür sollten ausreichend finanzielle Mittel an die Seite gelegt werden.

Urteil: Wann die Restschuldbefreiung versagt werden kann

Sie dürfen auswandern trotz Insolvenz, müssen jedoch weiterhin erreichbar sein.
Sie dürfen auswandern trotz Insolvenz, müssen jedoch weiterhin erreichbar sein.
Wie bereits erwähnt, haben Schuldner im Insolvenzverfahren laut Insolvenzrecht gewisse Mitwirkungs- und Auskunftspflichten. Dazu gehört es auch, dass ein Umzug gemeldet werden muss. Die gleichen Regeln gelten auch, wenn Personen auswandern bei laufender Insolvenz. Das hat auch das Amtsgericht Duisburg bestätigt (Az. 62 IN 147/03).

Ein in der Wohlverhaltensphase befindlicher Schuldner hatte seinem Insolvenzverwalter mitgeteilt, dass er gemeinsam mit seiner Familie nach Kanada umziehen wolle, weil er dort einen neuen Arbeitsplatz gefunden hatte. Er gab jedoch an, dass er noch keine feste Adresse nennen könne. Nach einer weiteren Mitteilung dieser Art verzog er dann, ohne die neue Adresse mitzuteilen. Dadurch, dass sein Aufenthaltsorts nicht ermittelt werden konnte, war der Insolvenzverwalter nicht dazu in der Lage, das pfändbare Einkommen des Schuldners zu ermitteln und es einzuziehen.

Zwei seiner Gläubiger hatten daraufhin die Versagung der Restschuldbefreiung beantragt, was das Insolvenzgericht im Anschluss bestätigte. Der Schuldner habe klar gegen seine Obliegenheiten verstoßen und die Befriedigung der Gläubiger damit erheblich beeinträchtigt. Durch die Versagung der Restschuldbefreiung war das Insolvenzverfahren umsonst.

Das Auswandern bei laufender Insolvenz ohne Angabe der neuen Adresse hatte für den Schuldner auch zur Folge, dass die Stundung der Verfahrenskosten aufgehoben wurde. Der Betroffene musste also die im Verfahren entstandenen Kosten sofort zurückzahlen.

Dürfen Sie im Ausland die Insolvenz anmelden?

Auch im Ausland gibt es oftmals die Möglichkeit, ein Insolvenzverfahren zu durchlaufen. Dabei gelten jedoch die Regeln des jeweiligen Landes. In manchen Ländern, etwa England und Frankreich, tritt die Restschuldbefreiung schon viel früher ein als in Deutschland. Viele deutsche Schuldner würden deshalb lieber im Ausland die Privatinsolvenz durchlaufen.

So wie das Auswandern bei laufender Insolvenz erlaubt ist, so können Schuldner auch zunächst auswandern und dann in dem jeweiligen Land das Verfahren durchlaufen – aber eben nicht nach deutschen Regeln. Voraussetzung ist dabei meist, dass die Person seit mindestens drei bis sechs Monaten einen festen Wohnsitz in dem jeweiligen Land besitzt.

Beachten Sie: Durchlaufen Sie die Insolvenz in einem anderen Land, gelten dort auch die jeweiligen Regelungen bezüglich der Restschuldbefreiung. In vielen Ländern werden nicht sämtliche Schulden erlassen. Darüber sollten Sie sich im Vorhinein genau informieren.

Können Sie auswandern, um dem Insolvenzverfahren zu entgehen?

Auch wenn Sie auswandern bei der Insolvenz, sind weiterhin gewisse Pflichten zu erfüllen.
Auch wenn Sie auswandern bei der Insolvenz, sind weiterhin gewisse Pflichten zu erfüllen.
So mancher Schuldner glaubt, dass er durch eine Auswanderung seinen Schulden in Deutschland entkommen kann. Dem ist jedoch nicht so. Auch im Ausland können Gläubiger offene Forderungen vollstrecken – wenn entsprechende Vollstreckungsabkommen bestehen. Innerhalb der EU können Gläubiger beispielsweise problemlos einen europäischen Vollstreckungstitel beantragen, mit welchem das Geld beim Schuldner eingefordert werden kann.

Und auch wenn Personen bei der Abmeldung in Deutschland keine neue Adresse angeben müssen, so haben Inkassobüros & Co doch viele Möglichkeiten, den Wohnort des Schuldners herauszufinden. Bedenken sollten Schuldner auch Folgendes: Erwirkt ein Gläubiger einen Titel, verjährt die Forderung erst nach 30 Jahren. Reist die Person früher wieder nach Deutschland ein, weil sie im Ausland gescheitert ist, wartet dort ein beträchtlicher Schuldenberg auf sie, der durch Zinsen und Säumniszuschläge angewachsen ist.

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